Antiquitäten und Handwerk

Als Antiquitäten (lateinisch antiquus, alt) gelten Gegenstände, die ein Alter erreicht haben, welches sie zu Zeugen eines vorherigen Zeitalters in der menschlichen Gesellschaft macht. Heutzutage scheint ein gewisser Konsens dahingehend zu bestehen, dass ein Gegenstand mindestens 100 Jahre alt sein muss, um als Antiquität zu gelten. Diesen Punkt kontrovers zu diskutieren ist allerdings obsolet – einen 200 Jahre alten Sargnagel als Antiquität zu bezeichnen wäre wohl vermessen, wohingegen ein 5.000 Jahre alter Kupfernagel das Herz eines Sammlers schon höher schlagen lassen könnte. Gewöhnlich handelt es sich jedoch um Gegenstände, die nicht zuletzt einen gewissen Grad fachmännischer Arbeit erreicht haben. Darüber hinaus sollte wohl gelten, dass Antiquitäten gesammelt werden aufgrund von Seltenheit, Schönheit (im Sinne des jeweiligen Betrachters), Kunstfertigkeit oder anderer wünschenswerter Eigenschaften.

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Die Einheit von Augenmaß und handwerklichem Geschick, präzise Kenntnisse der Werkstoffe, peinlich genau bemessener Einsatz der eigenen Körperkraft sowie der Werkzeuge von fast unendlich variierter Wirkungsweise – diese Attribute wurden schon immer in allen Handwerken verkörpert.

Schon seit langer Zeit jedoch existierten zwei Systeme nebeneinander: Das eine versorgte in kleinerem Umfang eine wohlhabende Oberschicht mit hoch- wertigen Luxusgütern, die in beträchtlichem Maße von Hand gefertigt und für die hochwertige Werkstoffe eingesetzt wurden. Dieser Bereich griff auf traditionelle Arbeitsmethoden zurück und war zugleich immer aufnahmebereit für Neuheiten im Design, je nachdem, was die Mode Neues brachte. Das andere System, das den weitaus größeren, allgemeinen Markt bediente, war so organisiert, dass Artikel möglichst billig und mit möglichst unaufwendiger Bearbeitung von einzelnen Handwerkern gefertigt werden konnten. Auf diesem Sektor wurde schon immer versucht, technische Neuerungen hervorzubringen und Ersatz für die teureren Rohstoffe zu finden, um die Herstellungs- kosten zu verringern bzw. die Produktivität zu erhöhen. Schon im 16. Jahrhundert konnte beispielsweise der Löffelschmied standardisierte Endstücke, von Schichtarbeitern gefertigt, an seine kunstvollen Arbeiten ansetzen.

Löffel mit standardisiertem Endstück

Die Tatsache, dass spezialisierte Handwerker alle Arbeiten beherrschten, ermöglichte es, die Vorteile dieser beiden unterschiedlichen Systeme voll auszuschöpfen. Technologische Neuerungen wurden allerdings nur zögernd von dem für Luxusgüter zuständigen System der jeweiligen Handwerke aufgenommen. Während es z.B. schon möglich war, billige, pressgestempelte Kerzenhalter aus dünnem Silberblech in Walzwerken serienweise herzustellen, erwarteten wohlhabende Kunden noch immer individuelle Arbeiten mit detailreichem Dekor. In allen Handwerkszweigen war es also Voraussetzung, in der Lage zu sein, ein Originalwerk zu entwerfen oder zu modellieren. Diese Arbeit wurde dann im 17. Jahrhundert – zumindest im Bereich des Handwerks für Luxusgüter – von eigens spezialisierten Entwerfern übernommen, deren Originalität und Stilneuheiten für den „einfachen“ Handwerker eher lästig waren. Neuigkeiten bei Techniken wurden vorher lange nur außerhalb der traditionellen Handwerksorganisation entdeckt, denn diese konnte jegliche Originalität im Keim ersticken.

Handwerk Loge

In der Zeit vor dem 17. Jahrhundert wurden die besonderen Fachkenntnisse der einzelnen Handwerke über Werkstoffe und Technologien als ein Teil des Berufsgeheimnisses gewahrt. Die Techniken wurden erlernt und dann nur mündlich weitergegeben. Außenstehenden, insbesondere auch Ausländern, untersagte man in der Regel die Mitgliedschaft in den Handwerkszünften. Andererseits jedoch waren Kenntnisse über neue Techniken äußerst wertvoll und gelangten nur mit den Handwerksspezialisten selbst zu neuen Orten. Als z.B. Heinrich VIII. eine Harnischwerkstatt brauchte, ließ er Harnischmacher aus Innsbruck nach England kommen. Die in Innsbruck ausgebildeten Harnischmacher waren nämlich in der Lage, eine besondere Art von Stahl herzustellen, ein Geheimnis, von dem englische Eisenhandwerker erst im 17. Jahrhundert erfuhren.

Harnisch aus Stahl

Den Wandel von ausschließlich mündlich überlieferten Handwerkstechniken zu einer auf wissenschaftlichen Verfahren gegründeten Technologie leitete die Metallurgie allerdings schon etwas früher ein. Die Fürsten brauchten fundierte Kenntnisse von immer ausgefeilteren Methoden der Waffenproduktion für eine erfolgreiche Kriegsführung und förderten deren Gewinnung mit immensem Druck.

antike Pistole

Die allermeisten Handwerke Europas erhielten auch Anregungen von anderen Seiten. Der bedeutsamste Einfluss war mit Sicherheit der Handel mit Indien und China, welcher neue Rohstoffe, neue Techniken und neue Formideen mit sich brachte. Die Entwicklung von preiswerten Imitationen fernöstlicher Lackarbeiten war ein Merkmal der weiten Resonanz, die fernöstliche Künste bei der europäischen Kundschaft gewonnen hatten. Zu den neuen Techniken zählte vor allem die Entdeckung von Porzellan. In Persien hatte man mit zinnglasiertem Tongut eine schwache Imitation geschaffen und auch in Europa wurden ab dem Mittelalter umfangreiche Versuche unternommen, das begehrte „Weiße Gold“ herzustellen. Das Geheimnis selbst entdeckte dann schließlich Böttger für Meißen.

antikes Porzellan

Liebhaber von Antiquitäten schätzen an ihren Stücken zumeist auch die handwerkliche Ausführung, die Liebe zum Detail in Perfektion – also die Arbeit einzelner Handwerker bzw. Künstler…